100 Jahre Kinderladen Wirth in Mainz
Der Kinderladen Wirth. Ein ganz besonderes Jubiläum feiert in diesem Jahr der Kinderladen Wirth: 100 Jahre voller Engagement, Kindheitserinnerungen und traditionsreicher Familienarbeit. Seit 1925 ist das Haus ein fester Bestandteil der Mainzer Innenstadt – ein Ort, an dem Generationen von Familien Babyausstattung, Kinderbekleidung und Spielwaren fanden.
Der Kinderladen Wirth blickt auf eine lange Familiengeschichte zurück. 1925 übernimmt Andreas Wirth die Wäschefabrikation Wirth & Rühe, welche er drei Jahre zuvor mitbegründet hatte. Er und seine Frau Elisabeth spezialisieren die Firma auf die Herstellung von Kinderbekleidung. Im Jahr 1929 wird von Andreas und Elisabeth Wirth „Der Kinderladen“ eröffnet.
Schnell machte sich das Geschäft mit Kinderbekleidung, Babyausstattung und Spielwaren einen Namen. Jahrzehnte überstand das Unternehmen Weltwirtschaftskrisen, Kriege und Bombenangriffe und entwickelte sich zu einem festen Bestandteil der Mainzer Innenstadt. Seit 1950 und 1958 ist der Kinderladen mit Textilien in der Großen Bleiche 4 und mit Spielwaren in der Schillerstraße 48 zu Hause, wo er über Generationen hinweg Kinderträume wahr werden ließ.
Doch gerade in einem Jubiläumsjahr kommt die besonders traurige Nachricht: Zum 31. Dezember 2025 wird der Kinderladen seine Türen endgültig schließen. Dass diese Tradition ausgerechnet im Jahr ihres 100-jährigen Jubiläums endet, macht den Abschied noch trauriger.
Die Reaktionen der Mainzer sind deutlich: Hunderte Menschen teilen in sozialen Medien ihre Erinnerungen – vom ersten Steiff-Tier über Experimentierkästen bis zu den ersten Begegnungen mit der besonderen Beratung des Hauses. Viele betonen, was mit dem Kinderladen verschwindet: die persönliche Beratung, die besondere Atmosphäre und das Gefühl, willkommen zu sein.
Die Gründe für die Schließung liegen auf der Hand: Die Corona-Krise setzte dem Unternehmen schwer zu. Während Drogeriemärkte Spielwaren, Medien und Parfümerieartikel ohne Einschränkungen verkaufen konnten, wurde WIRTH nicht einmal gestattet, den Bereich Baby-Ausstattung zu öffnen und somit wenigstens einen Teilverkauf aufrechtzuerhalten.Langanhaltende Baustellen rund um den Münsterplatz erschwerten die Erreichbarkeit und das allgemeine Einkaufsverhalten veränderte sich mit zunehmendem Online-Handel. Trotz Investitionen, Umbauten und neuen Konzepten konnte die Familie das Geschäft nicht zukunftssicher machen. Auch Gespräche mit möglichen Nachfolgern blieben leider erfolglos.
Hier endet ein Kapitel Mainzer Stadtgeschichte – ein Kapitel voller Geschichten, Begegnungen und gelebter Nähe. Geprägt von Menschen, die mit Herzblut, Hingabe und familiärem Geist über Generationen hinweg etwas Bleibendes geschaffen haben.
Traditionsgeschäfte bewahren – Politik muss handeln
Der Kinderladen Wirth ist mehr als ein Geschäft – er ist ein Stück Mainzer Stadtgeschichte. Seine Schließung zeigt einmal mehr, dass Traditionsunternehmen und insbesondere der innerstädtische Handel, heute stärker denn je auf Unterstützung angewiesen sind. Baustellen, mangelndes Marketing für Innenstädte und unzureichender politischer Beistand führen dazu, dass wichtige Institutionen wie der Kinderladen Wirth allein gelassen werden. Solche Verluste zeigen, wie dringend ein Umdenken in Stadtentwicklung und Wirtschaftsförderung notwendig ist, um Innenstädte wieder zu beleben.
Als Handelsverband Südwest sehen wir die Verantwortung klar bei der Politik: „Handel in den Innenstädten steht auf der Liste der bedrohten Arten“, so Dr. Thomas Scherer, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes. Der inhabergeführte Handel in den Städten wurde viel zu lange von der Politik als selbstverständlich angesehen. Jetzt erst merken die Verwaltungen, dass man die Innenstädte nicht länger dem Zufall überlassen darf. Rahmenbedingungen müssen geschaffen werden, die stationären Handel, Familienbetriebe und Traditionsunternehmen stärken. Es braucht eine aktive Begleitung, koordinierte Baustellenplanung, Fördermaßnahmen und eine Wertschätzung der Betriebe, die unsere Städte lebendig machen.
Der Fall Wirth ist ein Warnsignal: Die Annahme, der Handel halte schon alles aus, ist ein Irrtum. Ohne gezielte Unterstützung riskieren wir den Verlust von Institutionen, die seit Generationen Heimat, Arbeitsplätze und Identität bieten. Politik und Stadtverwaltung müssen hier aktiv werden – bevor noch mehr Traditionshäuser Geschichte werden.
(Text: Der Kinderladen Wirth & hv/uh; Foto: Der Kinderladen Wirth)
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